Kein Gott, kein Staat, kein Vatertag!
Rechte Väter, Good Night Daddy’s Pride und Repression

Am 12. Juni 2010 sind an die 100 Vertreter1 der sogenannten Väterrechtsbewegung mit Verstärkung aus ganz Europa im Rahmen einer europaweit beworbenen „Daddy’s Pride“2 in Wien auf die Straße gegangen, um ihre antifeministischen Forderungen vor allem in Bezug auf Obsorge- und Unterhaltsregelungen kundzutun.

Wochen vorher beschlossen Feministinnen*, diverse Einzelpersonen und Gruppen aus dem linksradikalen Spektrum diesem maskulistischen Treiben nicht aktionslos zusehen zu wollen und riefen zur Gegenmobilisierung, d.h. zur sogenannten „Good Night Daddy’s Pride“-Demo auf. Eingebettet in inhaltliche Veranstaltungen, Radiobeiträge, Blog, Pressearbeit und Afterparty in der I:dA3 wurde der breiten Öffentlichkeit die feministische Kritik an den Väterrechtlern zugängig gemacht. Da allgemein Wissen und Analysen über maskulistische Umtriebe und ihrem bekanntesten Teil, der Väterrechtsbewegung, spärlich vorhanden waren, begleiteten ausgiebige Recherchen die Vorbereitungen der OrganisatorInnen*4. Eingelesen wurde sich schnell – in den Untiefen des World Wide Web finden sich auf diversen Websites wie http://www.genderwahn.com, http://www.vaterverbot.at, http://www.maskulist.de, http://www.pappa.com oder http://www.manndat.de zutiefst misogyne und antifeministische Inhalte mit atemberaubenden Verschwörungstheorien und selbstmitleidigem Männergejammere.

Die Aktivisten dieser Bewegung bezeichnen sich in Analogie zum verhassten Feminismus als Maskulisten, organisieren sich vor allem in Vereinen und Parteien und kämpfen für die „wahre Gleichberechtigung“ aller biologischen Männer. Sie deklarieren sich als pauschale Opfer eines „weltumspannenden Feminismus“, denn: „Längst sind die Schwaden des Ungeistes aus dem Haupt der chthonischen Medusa an allen wichtigen Orten angelangt, verbreiten ihren üblen Geruch in Studios, Redaktionen, Ämtern, Schulen, ja Kirchen und im Internet. Es ist ein Gestank aus Begriffen, Thesen und Methoden, Werkzeuge alle einer ungeheuren Verleumdung, die sich gegen den wichtigsten Faktor allen Voranschreitens dieser Menschheit richtet: Gegen die Legitimität und Kompetenz maskuliner Wirksamkeit in diesem Prozeß. Es ist eine unerhörte und unverschämte, konzipierte Sykophantie gegen den Mann, deren Wirkung auf männliche Jugendliche für den feiner Beobachtenden sich bereits zeigt und deren weitere Auswirkung nur dazu geeignet wäre, der Zivilisation ihr effizientestes Potential abzukastrieren. Der Autor dieser Seiten betrachtet den hier beschriebenen Feminismus als einen ernstzunehmenden evolutionären Defekt. Deswegen diese Webseite.“5

Neue Männer braucht das Land?

Die Anfänge der „Männerbewegung“ gehen zurück auf linksradikale, profeministische Selbsterfahrungsgruppen, die ab Mitte der 70er Jahre vor allem in Deutschland – durchaus in Begleitung von autonomen Feministinnen – ihre Rolle als Mann in der Gesellschaft und der linken Szene zu hinterfragen begannen. Themen waren z.B. radikale Selbsttherapie, Homophobie und versteckte Homosexualität, Verhütung, Kinder(erziehung) oder die Thematisierung von sexistischen Strukturen in sich als emanzipatorisch verstehenden Politkontexten.
Ab Mitte der 80ern entwickelte sich, beginnend in der USA, Kanada, Australien oder Großbritannien, eine neue, konservative Männerrechtsbewegung, welche die männliche Vorherrschaft als „naturgegeben“ betrachtet und auf das „natürliche Gleichgewicht der Geschlechter“ pocht. Durch feministische Errungenschaften der letzten Jahrzehnte wie beispielsweise erleichterte Zugänge zu Abtreibung und Scheidung, Einführung von Frauenquoten, Gender Mainstreaming, Initiativen gegen Gewalt an Frauen oder allgemeine Mädchen- und Frauenförderungsprogramme sei dieses „Gleichgewicht der Geschlechter“ außer Kontrolle geraten.
Als Beginn der Bewegung beschwören Männerrechtsbewegte oft die Veröffentlichung von „The Fraud of Feminism“ (deutsch: „Der Schwindel des Feminismus“) im Jahr 1913 durch den Sozialist Ernest Belfort Bax, der damals erklärte, warum Frauen Männern geistig unterlegen seien.

Daddy cool?

Die stärkste Ausprägung der Männerrechtsbewegung, die medial durch spektakuläre Aktionen wie z.B. ein als Batman verkleideter Vater am Balkon des Buckingham Palace6 oder militantes Auftreten gegen RichterInnen*, Feministinnen oder PolitikerInnen* für Aufsehen sorgt, ist die sogenannte „Väterrechtsbewegung“. Insbesondere durch die „verweiblichte“ Justiz und einer Rechtssprechung, die ab Ende der 80er durch beispielsweise juristische Anerkennung von Gewalt gegen Frauen tendenziell frauenfreundlicher agiert, fühlen sich diese Männer bezüglich Obsorge- und Unterhaltsregelungen benachteiligt und als „Zahlväter“ missbraucht. Die „Auswüchse“ dieser familienrechtlichen Entscheidungen wäre eine völlige Abwesenheit von männlichen Vorbildern und weiter eine „Verweichlichung“ der Burschen. Durch diese „väter- und männerlose“ Erziehung würden Kinder schneller und einfacher als andere drogensüchtig, kriminell oder selbstmordgefährdet. Männer hätten durch die systematische Benachteiligung in Kindergarten, Schule oder Job (Stichwort Drei- bis Vierfachbelastung durch Beruf, Kinder, Familie und Haushalt) generell eine sehr niedrige Lebenserwartung. Außerdem würden männerspezifischen Erkrankungen wie Hodenkrebs weniger mediale Aufmerksamkeit zukommen als frauenspezifische wie Brustkrebs, weswegen auch hier permanente Diskriminierung am Feld der Gesundheitspolitik stattfinde.

Die meisten der in Österreich aktiven Männer- bzw. Väterrechtsbewegten behaupten, für „Gleichberechtigung“, sprich die „natürliche Verteilung von Macht“ zwischen Mann und Frau einzutreten. Diese Männer beharren auf ihrer biologistischen Rolle als Väter und geben vor, sich aktiv in die Kindererziehung einbringen zu wollen. Patchworkfamilien, schwule Väter oder andere Konzepte jenseits der klassischen heterosexistischen Norm fallen allerdings nicht in das Zielpublikum der konservativen Väterrechtsbewegung, zu stark ist ihre Affirmation zur „natürlichen Gegebenheit der Geschlechter“.

Statt sich für den Ausbau der Väterkarenz oder bessere Kinderbetreuungseinrichtungen einzusetzen, fordert die Väterrechtsbewegung die verpflichtende gemeinsame Obsorge in jedem Fall und plädiert für eine Neuregelung der Unterhaltspflicht, um weniger Alimente für ihre Kinder zahlen zu müssen. Den Vätern geht es nicht um den Kampf für ein Grundeinkommen oder die staatliche Zahlung unbezahlter Erziehungs- und Hausarbeit, sondern um die Verbesserung der finanziellen Lage der Männer auf Kosten ihrer Ex-Frauen und Kinder!

Und bist du nicht willig…

Besonders gefährlich werden väterrechtliche Positionen allerdings spätestens bei der These, dass Burschen und Männer genauso oft, wenn nicht gar öfter Opfer von „weiblicher Gewalt“ werden. Vorherrschende Gewaltverhältnisse und strukturelle Benachteiligungen von Mädchen und Frauen werden negiert, Realitäten einfach umgedeutet. Väterrechtsorganisationen verbreiten in ihren Publikationen, dass Gewalt gegen Männer allgemein akzeptiert, Gewalt gegen Burschen verschwiegen werde und für Frauen eine pauschale Unschuldsvermutung diesbezüglich gelte. Die Väter wären immer die Bösen und hätten generell schlechtere Karten bei der Scheidung. Somit stilisieren sie sich als „Trennungsopfer“, die – ganz unschuldig – von ihren „bösen“ Frauen finanziell ausgebeutet werden und dabei keinerlei Rechte „am Kind“ haben.

Konservativ, frauenfeindlich, rechts

Websites wie http://www.vaterverbot.at, http://www.trennungsopfer.at oder http://www.vaeter-ohne-rechte.at versuchen, sich als in der gesellschaftlichen Mitte stehend zu verkaufen. Tatsächlich finden sie Zuspruch in sämtlichen Parteien und immer wieder auch im linken Spektrum. In Wien sind Männerrechtsbewegte mittlerweile soweit gegangen eine eigene Partei – die „Männerpartei“ – zu gründen, die im Oktober 2010 für die Gemeinderatswahl kandidieren wird.7 Der wichtigste politische Partner der Väterrechtler ist jedoch die FPÖ, da einzelne Vertreter immer wieder die Anliegen der Väterrechtler aufgreifen und somit auch in einen wirksameren öffentlichen Diskurs bringen. Enge Verbindungen und personelle Überschneidungen gibt es vor allem zum „Freiheitlichen Familienverband“.

Engagierte Väter?

Was daran negativ sei, wenn sich Väter für ihre Kinder einsetzen, ist eine der Fragen, die im Zusammenhang mit Kritik an der Väterrechtsbewegung immer wieder auftauchen. Als Antwort muss stets gebetsmühlenartig betont werden, dass es den Väterrechtlern nicht primär um ihre Kinder gehe, sondern um den Verlust ihrer männlichen Vormachtstellung in der Gesellschaft – emanzipierte Frauen werden damit als Gefahr empfunden und unter Umständen vor sämtlichen Formen der Gewalt nicht zurückgeschreckt.

Mit der Organisation der Good Night Daddy’s Pride-Demo am 12. Juni 2010 wurde erstmals in Wien auf einer breiteren Ebene feministische Kritik an der Väterrechtsbewegung Raum gegeben. Engagierte Einzelpersonen aus Frauen-/Lesbenzusammenhängen riefen zwar bereits im April 2008 sowie im Oktober 2009, bei den ersten Manifestationen der Väterrechtsbewegung in Österreich, zu Gegenactions auf, allerdings beteiligten sich kaum Menschen aus anderen Zusammenhängen. Außerdem war zum Thema wenig bekannt und linksradikale Stimmen hielten sich in ihren Analysen betreffend der misogynen Bewegung eher zurück. Zu dürftig waren Wissen und Recherche und zu unklar die eigenen Positionen zu Kinder und Co.
Zwar gibt es nach wie vor enormen Nachholbedarf, was Auseinandersetzungen mit Fragestellungen wie Kinderfreundlichkeit in linken Szenen, feministisches Kinder kriegen oder vielfältige Erziehungsmodelle abseits der klassischen Kleinfamilie betrifft. Im Rahmen der Gegenmobilisierung zur Daddy’s Pride fand allerdings erstmals in diesem Kontext seit wohl mehr als 20 Jahren eine Veranstaltung zum oben genannten Themenkomplex statt und rückte Mütter und Väter aus linksradikalen Politszenen in Wien etwas mehr ins Licht.

Feuer und Flamme dem Staat und Patriarchat!

An die 150 Personen beteiligten sich am 12. Juni 2010 an der Demo gegen die Daddy’s Pride, die von der Unirampe in Richtung Innenstadt aufbrach, um den antifeministischen Vätern inhaltlich und aktionistisch Widerstand entgegenzusetzen. Nach einem kurzen Gerangel mit der Polizei, die in den letzten Monaten massiv versucht hat soziale Bewegungen zu kriminalisieren und auch vor drastischen Mitteln wie die Kesselung von 650 AntifaschistInnen bei der heurigen No-WKR-Ball-Demo im Jänner 20108 nicht zurückschreckte, kam es zur Festnahme eines Demonstranten. Nach mehr als 48 Stunden in polizeilichem und gerichtlichem Gewahrsam wurde gegen ihn Untersuchungshaft wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt verhängt, was bedeutet, dass dieser nun 14 Tage auf seine nächste Haftverhandlung warten muss bevor die Chance auf seine Freilassung besteht.9
Da Repression alle politisch denkenden Menschen betrifft und wir es als unsere Pflicht ansehen sich für die Freilassung des Betroffenen einzusetzen, werden wir nicht tatenlos zusehen – Solidarität ist eine Waffe! Watch out for Soli-Actions!10

Und weiter?!

Auch wenn die Kritik an der Väterrechtsbewegung in ihrem jetzigen Ausmaß noch etwas schwammig bzw. wenig präzise ausgefallen ist, so sind wir doch überzeugt davon mit unseren Analysen und Forderungen am richtigen Weg zu sein und werden es uns auch weiterhin nicht nehmen lassen, widerständig, feministisch und unbequem zu bleiben!

Gegen Väterrechtler und Antifeminismus! Für eine freie Gesellschaft und Erziehungsformen jenseits heterosexistischer und kapitalistischer Normen.

  1. Die ausschließliche Verwendung der männlichen Form ist kein Fehler der Autorin, sondern bewusst gewählt. Beim Verfassen des Aufruftextes für die Gegendemo bestand Uneinigkeit darüber, ob „Väterrechtler“ in ihrer männlichen Form oder die gegenderte Variante „Väterrechtler*innen“ verwendet werden sollte. Wir einigten uns darauf, ausschließlich die männliche Form auf Grund des Inhaltes und der strukturellen Verfasstheit der Väterbewegung zu verwenden, auch wenn wir uns durchaus der Tatsache bewusst sind, dass in der Väterrechtsbewegung immer wieder Frauen aktiv sind. Nichtsdestotrotz ist die Väterrechtsbewegung ein männerbündlerischer Zusammenschluss, in dem Frauen nicht gleichrangig beteiligt sind. [zurück]
  2. Eine Wortschöpfung in Anlehnung an die Verwendung des Begriffs „Gay Pride“ – also einem Begriff aus der Schwulen- und Lesbenszene, gern auch verwendet für diverse Christopher-Street-Day-Paraden. [zurück]
  3. http://ideedirekteaktion.at [zurück]
  4. In den an:schlägen, dem feministischem Frauenmagazin, erschien im Oktober 2009 ein gut recherchierter Schwerpunkt zur Väterrechtsbewegung, der erstmals etwas mehr Licht ins Dunkel brachte. http://www.anschlaege.at/2009/okt09/mainokt09.htm [zurück]
  5. Zitat http://www.maskulist.de/Vorwort1.htm – Rechtschreibfehler im Original [zurück]
  6. http://www.fathers-4-justice.org sowie http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/3652502.stm [zurück]
  7. http://www.maennerpartei.at [zurück]
  8. http://nowkr.wordpress.com [zurück]
  9. Es sei denn, der/die StaatsanwältIn* lässt Gnade vor Recht walten und stimmt seine Enthaftung vorzeitig zu. [zurück]
  10. S. befindet sich mittlerweile nicht mehr in Untersuchungshaft, welche 14 Tage dauerte. Nach Angaben auf http://at.indymedia.org/node/18560 sollte am 8. Juli 2010 der Prozess gegen S. beginnen. [zurück]